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Lilli Cremer-Altgeld |
Ich weiss nicht, wie Sie Coach geworden sind. Ich weiss
nicht, was Sie motiviert hat, Coach zu werden. Ich weiss nicht, wie Sie sich
Ihr Leben als Coach vorstellen.
Gerne erzähle ich Ihnen von meinen ersten Schritten als
Coach.
Es war spannend. Aufregend. Es war ein Abenteuer.
Dabei fing alles ganz harmlos an:
Ich traf mich abends mit einer Kollegin. Sie ist
Marktforscherin wie ich. Sie hatte viel zu erzählen, denn sie kam gerade aus
den USA. Ende der 1980er Jahre.
Nachdem sie mir die News aus NY erzählte hatte, fragte
sie mich, wie es denn derweil in Deutschland gewesen sei. Nun, wir hatten den
Vorabend der Wiedervereinigung – aber damals, im Juli 1989, wussten wir noch
nichts von unserem kommenden Glück.
Und so erzählte ich einfach von meiner aktuellen
Veröffentlichung und was sich sonst so tat im Reiche der Marktforscher*innen.
Wirklich spannend nur für Insider. Doch dann fiel mir auf: Es kommen in letzter
Zeit so viele Manager (Männer), die sich jenseits der Forschung von mir beraten
lassen wollen. Jede Woche diese Anrufe von Manager aus der Marketingabteilung,
aus der Forschung oder auch Selbständige, die einen Termin einfach zum Reden
haben wollten.
Ich erzählte meiner Kollegin: „Ich hatte angefangen den
Zeitgeist näher unter die Lupe zu nehmen, um all diese Anfragen verstehen zu
können …“ – da brach es aus meiner Kollegin raus: „Du musst Coach werden!“.
„Coach?“, fragte ich ungläubig, „was ist das denn?“.
Ich wurde aufgeklärt. Erhielt Schulungsfilme aus den
Staaten und auch aus UK. Bald hatte ich Feuer gefangen. Jede kleinste Notiz,
jeder Zeitungsbeitrag, jede Nachricht wurde mit begeistertem Herzen
aufgefangen.
Denn ich erinnerte mich langsam daran, dass ich so
etwas wie Coaching schon mein ganzes Leben lang gemacht habe. Ich kannte diese
Anrufe, die von meinem Vater, meiner Mutter oder von Freunden kamen: „Du,
kannst Du mal mit XYZ reden, der hat Probleme mit ABC oder DEF oder GHI …“.
Coaching war schon immer in meinem Leben. Ich hatte Freude daran, zuzuhören,
Situationen zu hinterfragen und zu analysieren und gemeinsam den Sinn der
Herausforderungen zu erkennen und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten.
Andere Menschen hatten andere Begabungen: sie konnten besonders schön malen, singen oder Apfelkuchen backen. Ich „konnte“ schon immer: Coaching.
Andere Menschen hatten andere Begabungen: sie konnten besonders schön malen, singen oder Apfelkuchen backen. Ich „konnte“ schon immer: Coaching.
Natürlich würde ich das heute nicht Coaching nennen –
aber es war eine Vor-Form von Coaching und hatte Aspekte von Coaching. Und die
Menschen waren begeistert.
Für mich hatte das eher so eine Form von
Nachbarschaftshilfe – aber das jetzt zu einem Beruf machen? Huiii! Ich war ganz
schön aufgeregt.
Mein Psychologie-Professor war begeistert. Und schon
bald fand ich weitere Menschen, die sich für mich und meinen Weg begeistern
konnten.
Dann wollte ich einen echten Coach selbst einmal
kennenlernen – und recherchierte. Gab es keine Coaches in Deutschland? Doch.
Über die DGFP, Deutsche Gesellschaft für
Personalführung e.V., hörte ich, dass es tatsächlich zwei Coaches in
Deutschland geben soll.
Doch dann wählte ich einen anderen Weg. Als Markt- und
Sozialforscherin, die täglich Menschen nach ihren Einstellungen und
Verhaltensweisen befragt, entschloss ich mich, das jetzt zum Thema „Coaching“
zu tun.
Damit meine Sichtweise nicht einseitig wurde, bat ich
ein anderes Forschungsinstitut meine Arbeit zu begleiten. Und so befragten wir
50 Personaler der internationalen Industrie in Deutschland, welche Erfahrungen
sie mit Coaching gemacht haben – wie idealerweise ein solches Coaching ablaufen
sollte, welche Aufgaben ein Coach erfüllen muss und welche Ausbildung er haben
sollte.
Es war ein Forschungsauftrag, den ich mir selbst
gegeben habe – und den ich auch noch einmal kontrollieren ließ. Zur Sicherheit, damit ich auch nichts
übersehen konnte.
Gesagt. Getan.
Verblüfft waren wir Forscher*innen als wir hörten wie
sehr Coaching in dem jeweiligen Unternehmen willkommen sein würde.
Nun plante ich den nächsten Schritt: Die
Coach-Ausbildung. Ich telefonierte mit Wirtschaftsunternehmen (Personal-Chefs,
Personal-Entwicklungs-Chefs), mit Hochschulen und mit freien Trainer*innen.
Gemeinsam machten wir ein Konzept und setzten dieses dann in die Tat um.
Für ein Jahr lang trafen wir uns regelmässig am
Wochenende zur praktischen Ausbildung und zu theoretischen
Hintergrundberichten. Begleitend dazu belegte ich Seminare an Universitäten,
nahm Privat-Unterricht und machte bei einer Schauspiellehrerin eine Ausbildung zur
Seminarleiterin.
Dann war der Tag gekommen – und ich coachte zum
ersten Mal. Es war ein Architekt.
Ich erinnere mich noch genau daran. Ich hatte ein
Konzept geschrieben, das mir als Leitfaden galt – und legte es zur Seite und
sagte: „Wie geht es Ihnen?“
Ich weiss noch, dass ich an diesem Tag vor allem
zuhörte. Und ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich nach diesem Termin
sofort ins Bett ging und tatsächlich 24 Stunden geschlafen habe. Coaching war
eine echte Herausforderung. Dabei hatte ich doch einfach nur da gesessen,
zugehört – und Fragen gestellt. Zur Analyse kamen wir an diesem Tag gar nicht. So viel hatte
dieser Architekt zu reden. Männer sind nicht gesprächig? Dann war dieser Mann
eine Ausnahme. Jedoch sollte er nicht die Ausnahme bleiben.
Es war nicht so leicht wie es aussah.
Es war nicht so leicht wie ich es mir vorgestellt hatte
– aber es war genau das Richtige!
Und es wurde bald besser. Meine Begeisterung ging in
Resonanz zu den Menschen, die bereit waren, ihren individuellen Lebensweg zu
gehen. Menschen, die sich weitere Spielräume wünschten. Ich erlebte, dass das
Leben der Menschen wie auch das Leben der Familie entspannter wurde, klarer und
freier. Diese Menschen erkannten darin einen Gewinn an Lebensqualität.
Und ich erkannte, dass ich nun erst meine Berufung
gefunden hatte.